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Zeit lassen, Raum geben

  • 14.08.18 11:34
  • Brigitte Schmitz-Kunkel
  •   Kurz und Knapp

Erst mal ankommen. Hier, im wöchentlichen Eltern-Kind-Kurs, den die Euskirchener Familienbildungsstätte „Haus der Familie“ anbietet. Aber auch im Leben. Mia, Nolan und Nikolas machen große Augen: „Guten Morgen in diesem Haus/ alle Menschen hier/ wünschen Dir/ einen schönen guten Morgen!“ singen Kursleiterin Susanne Gieseke und die Mütter für sie zur Begrüßung. An diesem Morgen hat sich ein kleiner Kreis getroffen; um die acht jungen Mütter und Väter kommen in der Regel mit ihrem Kind zu den Kursen, in denen es um die Kleinen vom ersten bis zum dritten Lebensjahr geht. Susanne Gieseke verteilt in Ruhe bunte Holztiere und Plastikautos auf der Spielfläche, Stoffbälle, Wäscheklammern, eine ausgediente Shampooflasche, Marmeladendeckel, die ein Kind gleich in ein Eimerchen füllt, und einige niedrige Klettergeräte – ein Angebot zum Spielen und Entdecken. Die Mütter sitzen am Rand  auf dem Boden und lassen die Kinder machen, es gibt Tee und neue WhatsApp-Adressen, die Atmosphäre ist entspannt.

Lernen ohne Hektitk

Susanne Gieseke ist Pikler-Pädagogin. „Zeit lassen, Raum geben, vertraut werden“ ist das Leitmotiv der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler (1902–1984), die mit ihrer Pädagogik eine geradezu revolutionäre Sicht der Eltern auf ihre Kleinkinder förderte. Grundlage ist es, die Würde des Kindes von Beginn an zu achten und schon einen Säugling als Person zu respektieren, die sich mitteilen und im eigenen Tempo selbst entwickeln kann. Sich zurückzunehmen, erst mal zu schauen, was das Kind von sich aus macht, Ehrgeiz und Eile außen vor zu lassen – immer noch zeitgemäß heute, wo es gar nicht schnell genug gehen kann mit dem Lernen. Dass die Familienbildung des Erzbistums Köln in ihren Eltern-Kind-Kursen seit zwanzig Jahren auf Pikler setzt, basiert auf ihrer zutiefst humanen Botschaft: „Die Pikler-Pädagogik ist vom Kern her keine religiöse Pädagogik“, erklärt Susanne Gieseke im Gespräch, „aber in ihr findet sich ganz viel vom christlichen Menschenbild wieder.“ „So taktvoll zu sein auch mit einem kleinen Menschen, dieses Vertrauen darauf, dass er Kräfte mitbekommen hat, sich auf seine eigene Weise zu entfalten, also im christlichen Verständnis zu sagen: Ich will helfen, dass du dich in Freiheit entwickeln kannst, das hat mich tief berührt.“

Vertrauen ins Kind

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Die Zweigleisigkeit des Kurses, jedes Mal auch über akute Fragen sprechen zu können, schätzt Mias Mutter Viktoria besonders. Nolans Mutter Sonja findet es gut, dass der Kleine nebenbei mit den anderen spielt. „Viele junge Mütter sind fast überinformiert und verunsichert“, weiß Susanne Gieseke; sie kennt den Druck, in der Erziehung nur ja alles richtig zu machen. Im Eltern-Kind-Kurs kann man durchatmen. „Ich sage, schau, wie viele Sachen dein Kind schon alleine schafft! Die Grundbotschaft ist doch, sich an und mit seinem Kind zu erfreuen. 

Loslassen kann ich ja erst, wenn ich das Vertrauen habe, dass ich nicht alles ,machen‘ muss.“ Letzteres tut auch den jungen Vätern gut, die zwar oft entspannter sind als die Frauen, wie Gieseke beobachtet hat, aber auch mal gerne aktiv ins Spiel eingreifen. Dass sie in ein katholisches Haus kommen, ist vielen Eltern am Anfang gar nicht bewusst; die Botschaft vermittelt sich trotzdem – etwa durch die christlichen Feste im Jahreslauf, denen Susanne Gieseke thematisch folgt. Nicht zuletzt im Advent sind „viele dankbar, dass sie hier noch einmal neu über diese Zeit nachdenken können“.  Auch Susanne Gieseke freut sich nicht nur zur Weihnachtszeit, „denn wirklich jedes Kind ist ein Geschenk. Aber auch der Moment, wenn eine Mutter versteht, wie sie mit sich und ihrem Kind in Frieden leben kann.“

AdventsZeit 2018 (c) Robert Boecker

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