(c) Kirche in Not

"Ein kugelsicherer Glaube"

  • 12.09.18 11:54
  • Tobias Lehner
  •   Kurz und Knapp

„Sobald es zu einer Schießerei kommt, laufen wir in das nächstgelegene Haus. Hier kennt jeder jeden, und so hat auch jeder Verständnis für die Angst, die man in solch einem Moment hat.“ Wenn Laís Maria Pereira da Silva von der Gewalt erzählt, die sie tagtäglich umgibt, kann der Gegensatz zum übrigen Erscheinungsbild und Temperament des Mädchens nicht größer sein. Laís ist ein aufgewecktes Mädchen, das es nach eigenen Angaben liebt, „zu laufen und zu tanzen“. Doch die Gefahr läuft mit: „Immer, wenn wir auf der Straße sind, habe ich Angst, mich oder eine meiner Freundinnen könnte eine Kugel treffen.“

Alltägliche Gewalt hautnah

Laís lebt in einen Stadtteil von Río de Janeiro namens „Complexo da Maré“. Er umfasst 17 verschiedene Gemeinden mit insgesamt 130 000 Einwohnern. Eine eigene Stadt in der Metropole – und eines der gefährlichsten Pflaster Ríos. Die Elendsviertel werden von kriminellen Gruppen kontrolliert, die mit Drogenhandel ihr Geld verdienen. Blutige Straßenkämpfe sind an der Tagesordnung – und wehe dem, der unbeteiligt zwischen die Fronten gerät. So wie Laís´ Cousin Ian: „Er spielte gerade im Innenhof unseres Hauses, als plötzlich ein Feuergefecht begann. Er wurde von einem Schuss am Kopf getroffen. Meine Tante lief die Treppen herunter und sah ihren Sohn, der blutüberströmt dalag.“ Der Junge war damals 12 Jahre alt. Mehrere Operationen konnten zwar sein Leben retten, aber seither ist Ian gehbehindert und kann nicht richtig sprechen. Die Erinnerung an jenen Schicksalstag hat der junge Mann verloren – in der Familie jedoch ist alles präsent, ebenso wie die Gewalt nach wie vor überall präsent ist. „Die Bandenmitglieder eröffnen auf der Straße das Feuer“, erzählt Laís. Dann müssen wir uns auf den Boden werfen – auch wenn wir im Haus sind. Denn wir sind nirgendwo sicher.“

Eines Tages Ärztin sein

Die Gewalt macht für Laís nicht nur den Alltag zum Überlebenskampf, sondern verdüstert auch ihre Zukunft. Denn aus Sicherheitsgründen muss der Unterricht oft ausfallen. Dennoch träumt Laís davon, eines Tages Medizin zu studieren. „Ich will anderen Menschen helfen und dazu beitragen, dass meine Familie in ein besseres Viertel umziehen kann – mit Gottes Hilfe.“ Um den Beistand und die Barmherzigkeit Gottes erfahrbar zu machen, unterstützt „Kirche in Not“ die Arbeit verschiedener Missionsgemeinschaften, die sich der Menschen in den Elendsvierteln annehmen. Eine davon ist die „Allianz der Barmherzigkeit“ mit über 2000 Freiwilligen und rund 350 Sozialarbeitern. Eine solche „Lektion der Barmherzigkeit“ erteilt auch die 12-jährige Laís. Der Glaube gebe ihr und ihrer Familie Kraft und einen Blick für die Nöte der anderen Menschen, obwohl alles um sie herum „zum Verzweifeln“ sei. „Selbst mitten in einem Schusswechsel kann man einen kugelsicheren Glauben bewahren und für andere ein Zeichen der Hoffnung sein.“

AdventsZeit 2018 (c) Robert Boecker

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