Indigene in Panama: Zwischen den Welten

Jeroncio Osorio ist ein Kuna. Bis vor einem Jahr wohnte er auf einer kleinen Insel vor der Küste Panamas, wo sein Volk noch heute nach Jahrhunderte alten Traditionen lebt. Ein Paradies, sagt der 19-Jährige. Trotzdem hat er es verlassen.

13. November 2018

Wie ein dünner Faden liegt die Fußgängerbrücke von Playón Chico im hellblauen Meer. Sie verbindet die Insel mit dem Festland. Einige Holzplanken fehlen, so dass man von oben die Tänze der durchsichtigen Quallen und einige bunte Korallenfische beobachten kann.

Heimatinsel der Kuna mit eigener Verwaltung

Jeroncio Osorio stellt seinen Koffer ab. Er legt seine Hände auf das Geländer und holt tief Luft. Ein Jahr lang war der 19-Jährige nicht zu Hause. Sein Blick schweift über die bunten Fischerboote, die am Anleger festgemacht sind, und die vielen, mit Palmenblättern gedeckten Hütten, die dort eng zusammen stehen. „Schön oder?“, sagt er. Seine Stimme klingt fast ein wenig pathetisch. Doch dann wischt er die sentimentalen Gedanken zur Seite, grinst und ruft: „Worauf warten wir? Meine Mutter hat bestimmt schon gekocht.“

Endlich zurück in Playón Chico! Das 3000-Einwohner-Dorf gehört zur Comarca Guna Yala, eine Inselkette vor der Küste Panamas, auf denen das Volk der Kuna lebt. 50 der insgesamt 365 Inseln im Karibischen Meer sind bewohnt. Die anderen sind oft so klein, dass auf ihnen nur wenige Palmen und dornige Sträucher wachsen. Seit 1945 verwalten sich die Kuna, nach einem langen und blutigen Kampf mit der Zentralregierung, weitgehend selbst und haben eine eigene Verfassung ausgerufen.

Auch wenn es keine sichtbare Grenze gibt – wer das Territorium der Kuna betritt, braucht ein offizielles Visum. Auch Jeroncio, der seit fast zwei Jahren in Panama-Stadt Verwaltungswesen studiert, muss sich anmelden. Nachdem er seine Mutter, die Oma und seinen kleinen Bruder Brayan begrüßt hat, geht er zum großen Gemeindehaus. 

In einer gestreiften Hängematte im Halbdunklen sitzt der Saila. Die höchste Autorität des Ortes trägt als Zeichen seines Amtes einen kleinen schwarzen Hut mit einer bunten Feder. Am Tisch gegenüber sitzt seine Sekretärin, die Schreibarbeiten erledigt und Protokoll führt. Das Vorstellen ist reine Formsache. Jeroncio zahlt umgerechnet ein paar Cent und bekommt einen kleinen Zettel mit einem Stempel drauf – sein Visum.

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Jeroncio Manuel Osorio in einem Seminarraum der Universität

Spirituelle Heimat für Kuna in der Stadt

Auch Briseida Iglesias ist heute aus Panama-Stadt angekommen und sofort zum Saila gegangen. Sie ist eine „Nele“, eine Gelehrte der Kuna und gleichzeitig praktizierende Christin. Sie kennt sich in den Ritualen und Bräuchen des Volkes aus und wird gerne um ihre Einschätzung gebeten. Für Jeroncio ist sie eine wichtige Mentorin. Beide haben sich in der pastoralen Arbeit in der Hauptstadt kennengelernt. Unterstützt vom Lateinamerikahilfswerk Adveniat wollen sie indigenen Jugendlichen eine spirituelle Heimat in der Stadt geben. „Briseida kommt regelmäßig zu unseren Gruppentreffen. Sie hilft uns, das Wissen über unsere Kultur zu vertiefen“, sagt Jeroncio und umarmt die 57-Jährige zur Begrüßung. „Denn so lange wir alle unsere Geschichten kennen und die Bräuche ein selbstverständlicher Bestandteil unseres Lebens sind, bleibt unsere Kultur lebendig und kann sich in dieser modernen Welt behaupten.“

Briseida hat vor vielen Jahren mit ihrem Mann und den Kindern die Inseln verlassen, um in der Hauptstadt zu leben. Aus Überzeugung trägt sie auch in der Millionenmetropole die traditionelle Tracht der Kuna. Dazu gehören eine Mola, das aufwändig von Hand bestickte Oberteil, Stulpen aus bunten Perlenketten an Beinen und Armen, ein rotes Kopftuch und der goldene Nasenring. „Auf den Inseln wohnen heute rund 30.000 Kuna, 70.000 leben in der Stadt“, erklärt sie. „Zwischen verspiegelten Hochhäusern, verstopften Schnellstraßen, Müllkippen und Luxus-Kaufhäusern vergisst man leicht, wo man eigentlich herkommt und was wirklich wichtig ist.“

Jeroncio nickt. Mit seiner asymmetrischen Kurzhaarfrisur und dem bedruckten T-Shirt wirkt er im Gemeindehaus wie ein Besucher aus der Zukunft. In Panama-Stadt wohnt er zusammen mit der Familie seiner Schwester und einer alten Tante in einer Neubau-Siedlung. Auf dem umzäunten Areal stehen rund 300 baugleiche Häuser. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Alle Fassaden sind beige gestrichen, die Dächer aus Wellblech, in jedem Garten steht eine Wäschestange. „In Playón Chico treffen sich die Jugendlichen auf der Straße vor der Kirche. Begleitet vom Klang der Rasseln und Panflöten, wird barfuß getanzt“, sagt Jeroncio. „Das wäre in der Stadt undenkbar. Da sitzt man entweder alleine zu Hause vor dem Computer oder macht einen Schaufensterbummel durch die Einkaufsstraßen und hört Musik auf dem Handy.“

„Für welche dieser beiden Welten schlägt dein Herz?“, fragt der Saila, der immer noch in der Hängematte hin und her schwingt und aufmerksam zuhört. „Ich weiß nicht“, sagt Jeroncio nachdenklich. „Ich mag das moderne Leben, ich möchte reisen und die Welt kennenlernen. Aber ich liebe auch meine Heimat und fühle mich dafür mitverantwortlich, unsere Kultur und Gemeinschaft vor dem Untergang zu bewahren.“

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Briseida Iglesias mit Jeroncio beim Erklären der Heilkräuter

Klimawandel bedroht das Zuhause der indigenen Bevölkerung

Untergang – das meint Jeroncio wörtlich. Die dem Festland vorgelagerten Koralleninseln ragen nur wenige Zentimeter aus dem Wasser. Steigt der Meeresspiegel aufgrund der Erderwärmung weiter an, versinken die Dörfer der Kuna im Wasser. „Wir leben in einer globalen Welt“, sagt Jeroncio. Die Kuna seien Leidtragende einer Politik, die sie nicht gemacht haben und eines Lebensstils, den sie nicht führen. „Während wir noch mit dem Einbaum zu Fischen rudern und mit der Machete die Kokosnüsse von den Palmen ernten, fliegen über uns Transportflugzeuge mit Tiefkühl-Garnelen und Mangos aus Südamerika nach Europa.“ Um für Probleme wie Umweltverschmutzung, Klimawandel und internationalen Wettbewerb gewappnet zu sein, sei es wichtig, dass die Kuna gut ausgebildet sind. „Es reicht heutzutage einfach nicht mehr aus ein fleißiger Fischer und ein tüchtiger Bauer zu sein. Um der Regierung in Panama-Stadt oder etwa den großen Bergbau-Konzernen, die die Bodenschätze in der Region ausbeuten wollen, auf Augenhöhe zu begegnen, müssen wir uns in beiden Welten auskennen. Wir müssen unsere Rechte kennen, um sie klug verteidigen zu können.“

Es ist Abend geworden. Die Glocken läuten und rufen zur Messe mit Padre Hugo Asturias. Der Claretiner ist nur noch heute auf Playón Chico. Morgen fährt er mit dem Motorboot weiter in eine andere Gemeinde. Im Gottesdienst liest Jeroncio ein Stück aus der Babigale, der Heiligen Schrift der Kuna. Das Thema ist die Schöpfungsgeschichte. Es geht um Biler und Bursob, die beiden ersten Menschen, die dachten, dass sie alles mit der Erde machen dürfen, weil Gott sie ihnen geschenkt hat.

„Die Geschichten aus der Babigale gehören zu meinem Leben“, sagt Jeroncio später, als er vor der Hütte neben seiner Großmutter sitzt. „Genauso wichtig ist für mich aber auch die Bibel. Beides sind für mich die Worte Gottes die mir dabei helfen, Richtig und Falsch zu unterscheiden.“ Nach der alten Überlieferung der Kuna sind die Bäume die Geschwister der Menschen. Sie atmen, nehmen Nahrung auf und haben auch Gefühle. „Wenn wir sie ohne das richtige Augenmaß abholzen, töten wir einen Teil unserer Familie. Wie wahr diese Geschichte ist, sehen wir jeden Tag. Dort wo die Wälder abgeholzt wurden, ist das Land den Winterstürmen schutzlos ausgesetzt und fruchtbare Erde wird weggeschwemmt. Wir, egal ob Jung oder Alt, sollten viel öfter auf die Weisheiten der Kuna hören und deswegen will ich sie weiter erzählen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten!“

 

Adveniat-Weihnachtsaktion 2018: Chancen geben – Jugend will Verantwortung

Die Adveniat-Weihnachtsaktion 2018 steht unter dem Motto „Chancen geben – Jugend will Verantwortung“. Für viele junge Menschen in Lateinamerika und der Karibik enden Kindheit und Jugend viel zu früh: Als Jugendliche müssen sie bereits für das Überleben ihrer Familie arbeiten. Dabei träumen sie von einer guten Zukunft, wollen zur Schule gehen, studieren und Verantwortung übernehmen – in Kirche und Gesellschaft. Zusammen mit der Kirche vor Ort gibt Adveniat benachteiligten Jugendlichen die Chance, ihre Träume zu verwirklichen. In den Monaten November und Dezember berichten Adveniat-Aktionspartner aus Brasilien, El Salvador, Kolumbien und Panama, wie sie Verantwortung übernehmen und Jugendlichen Chancen geben. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Weihnachtsaktion findet am 1. Advent, dem 2. Dezember 2018, gemeinsam mit dem Bistum Limburg statt. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt. Spendenkonto bei der Bank im Bistum Essen, IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45.