Erzbischof warnt vor "industrieller Verwertung des Menschen"

28. November 2019 Henning Schoon

Ob die ersten „Designerbabys“ Lulu und Nana, die 2018 nach Experimenten in China auf die Welt kamen oder die Aussicht, Krebs zu besiegen – in der jüngeren Vergangenheit machten immer wieder überraschende Nachrichten auf den Fortschritt der Genforschung am Menschen aufmerksam. Was aus ethischer Perspektive vielleicht hochbedenklich ist, scheint für manch Erkrankten als Hoffnungsschimmer. In diesem Spannungsverhältnis bewegt sich auch die „Genschere“ CRISPR/Cas9, mit der es möglich ist, das Erbgut von Lebewesen gezielt zu manipulieren. Doch darf der Mensch alles, was er mittlerweile kann? Diese Fragestellung stand über dem diesjährigen Empfang des Erzbischofs von Köln für Ärztinnen und Ärzte im Maternushaus.

Vor über 150 Medizinern und Universitätsprofessoren wies Gastgeber Rainer Maria Kardinal Woelki am Mittwoch auf die Notwendigkeit eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses über die Möglichkeiten gentechnischer Eingriffe in die menschliche Keimbahn hin. Der Erzbischof rief dazu auf, dass bei aller Euphorie in der Genforschung nicht die „menschendienliche Perspektive“ verloren gehen dürfe. „Wohin driftet die Welt, wenn die Möglichkeiten menschlichen Könnens von den Dimensionen ethischer Verantwortung grundlegend abgekoppelt werden?“ – diese und weitere Fragen stellte der Kardinal in den Mittelpunkt seiner Überlegungen.

Ein Eingriff in die humane Keimbahn sei, auch im Hinblick auf kommende Generationen, nicht einfach hinnehmbar, erklärte Woelki. Es bestehe dabei die Gefahr, dass die Menschenwürde aus dem Blick gerate. Diese sei allerdings, genauso wie das Lebensrecht, unantastbar. Der Kardinal zeigte sich besorgt, dass etwa mit Gen-Werkzeugen wie CRISPR/Cas9 in Zukunft eine neue Spezies von Menschen erschaffen werden könnte, die etwa eine höhere Intelligenz, mehr Robustheit oder eine höhere Lebenserwartung aufweise. Es dürfe nicht zu einer „Klassifikation der natürlichen Menschen auf der einen Seite und der editierten auf der anderen kommen“, sagte Woelki.

Eine Gefahr sieht der Erzbischof auch in Tendenzen, dass das wirtschaftliche Interesse an der menschlichen Gentechnik steige. „Es muss deutlich werden, dass ökonomische Gründe nicht hinreichen, um moralisch fragwürdige Forschungen zum Durchbruch zu verhelfen“. Es gelte, einer „industriellen Verwertung des Menschen“ vorzubeugen, so Woelki. Er selbst sei sich nicht sicher, ob sich die Gesellschaft in Deutschland auch weiterhin darauf verständige, dass bestimmte Forschungen am menschlichen Erbgut verboten blieben. Die Rolle der Kirche und aller Christen könne es sein, eine gesamtgesellschaftliche Diskussion darüber anzuregen, auch wenn diese gegen Mehrheitspositionen gerichtet sei, sagte Woelki. Die Theologie könne zu dieser Debatte wiederum beitragen, indem sie immer wieder frage, was der Mensch sei – „eben mehr als ein Zellkonglomerat oder eine Anhäufung von chemischen Basen.“

Vorausgegangen war dem Statement des Erzbischofs eine Präsentation von Professor Dr. Thomas Benzing vom Universitätsklinikum Köln, Direktor der dortigen Klinik II Innere Medizin und des Zentrums für molekulare Medizin. Dieser stellte zunächst die Chancen von CRISPR/Cas9 vor. Wie Benzing erläuterte, wurden in letzer Zeit – vor allem in Ländern wie Israel, den Vereinigten Staaten, Russland und China – beachtliche Forschungserfolge erzielt, die in den kommenden Jahren die Medizin maßgeblich verändern könnten. So sei es etwa denkbar, dass die Bluter-Krankheit, die Immunschwäche AIDS oder Leukämie durch Genmanipulation ausgeschaltet werden könnten. „Das sind keine Zukunftsvisionen, es gibt bereits Studien“, sagte Benzing.

Neben den Chancen gingen mit CRISPR/Cas9 aber auch hohe Risiken einher, da etwa nicht abzuschätzen sei, wie sich in die menschliche Keimbahn eingebrachte Veränderungen langfristig auswirkten. „Denkbar wäre etwa, dass unvorhersehbare Defekte entstehen“, mahnte Benzing. In Bezug auf das mögliche „Biohacking“, der gentechnischen Erweiterung des Menschen um bestimmte Eigenschaften, trug er seine Sorgen vor: Etwa die Verschärfung der sozialen Ungleichheit durch unterschiedlichen Zugang zu Technologie, der Verlust der Achtung vor der Schöpfung oder die negativen Auswirkungen auf Menschen mit Behinderungen.

„Für einen ethisch vertretbaren Konsens müssen alle an der Diskussion teilnehmen: Kirche, Medizin, Naturwissenschaft, Politik, Patienten, Junge und Alte ...“, so das Fazit von Thomas Benzing. Wie die anschließende Diskussionsrunde beim Ärzteempfang zeigte, war unter den Teilnehmenden großes Interesse vorhanden, mehr über das Thema zu erfahren.