Die Troerinnen nach Euripides

Die Troerinnen nach Euripides

Your Stage - Eure Bühne...!!!

Nach nunmehr vier Jahren Pause findet dieses Jahr in Neuss erstmals wieder ein Schultheater-Festival statt. Wie die Veranstalter betonen, will das Festival bewusst keine Bestenschau darstellen, sondern die Vielfalt des Schul- und Jugendtheaters zeigen.

Am Donnerstag, den 13. Juni 2019 um 20:00 Uhr zeigt der Literaturkurs unter Leitung von Frau Keßler im großen Saal des Schauspielhauses „Die Troerinnen. Nach Euripides.“ Um das historische Troja ranken sich viele Mythen. Vielen wird die Geschichte des zehnjährigen Kampfes um Troja, das letztlich nur mit einer List eingenommen werden konnte, ein Begriff sein.

Aber, so fragte schon Euripides um ca. 400 v. Christus, wer erzählt die Geschichte der Frauen? Die Schülerinnen aus der Jahrgangsstufe Q1 stellen sich der großen Herausforderung dieses Stückes in der Textfassung mit Sungard Rothschädl mit Ernsthaftigkeit und Witz und hoffen bei ihrem Auftritt dabei auch auf zahlreiche Unterstützung im Publikum.

 

Um das historische Troja ranken sich viele Mythen.

Um das historische Troja ranken sich viele Mythen. Die Erzählung vom Raub der Helena, der 10jährigen Belagerung der Stadt und deren Eroberung durch die List des Odysseus sind tief verankert im kulturellen Gedächtnis des Westens, die Namen der Helden noch heute bekannt. Aber, so fragte schon Euripides um 415 v. Christus, wer erzählt die Geschichte derjenigen, die unverschuldet zu Opfer des Krieges wurden? Und wer erzählt die Geschichte der Frauen?

 

Die Thematik scheint dabei fast 2500 Jahre nach Euripides aktueller denn je. Symbolträchtig wurde im vergangenen Jahr der Friedensnobelpreis verliehen an die Jesidin Nadia Murad und den Gynäkologen Denis Mukwege „für ihren Einsatz gegen sexuelle Gewalt als Waffe in Kriegen und bewaffneten Konflikten“. Auch die Debatten rund um #MeToo haben darauf aufmerksam gemacht, dass sexuelle Übergriffe in der Mitte unserer Gesellschaft stattfindet.

 

Diese Themen gerade auch im Kontext einer Mädchenschule zu reflektieren erscheint dabei mehr als angebracht. So hat sich der diesjährige  Literaturkurs der Q1 des Erzbischöflichen Gymnasium Marienberg unter Leitung von Frau Keßler nach anfänglichen Bedenken auf das Wagnis eingelassen, diesen gewichtigen Stoff gemeinsam zu erarbeiten und auf die Bühne zu bringen.

Zur Handlung:

Die Frauen stehen im Zentrum des Geschehens. Sie sind die einzigen Überlebenden und werden nach der Eroberung der Stadt unter den siegerreichen Griechen verlost. Poseidon, Schutzpatron von Troja, beklagt ihr Schicksal:

 

„Troja ist zerstört. (…) Die Frauen bezahlen den bittersten Lohn:

zum Leben verdammte, schreiende Beute der Lust der Sieger.

Oh Götter, wie könnt ihr dies zulassen?“

 

Den Frauen, die hier wie Gegenstände behandelt werden, verleiht Euripides eine Stimme. Protagonisten seines Stückes sind vor allem die weiblichen Mitglieder der troischen Königsfamilie: Hekabe mit ihren Töchtern Kassandra und Polixena sowie der Schwiegertochter Andromache; sie sind „Vorzugsbeute“ des griechischen Hochadels. Aber auch der Chor, der im antiken Drama das Geschehen auf der Bühne für das Publikum kommentiert, tritt bei Euripides aus der Zuschauerposition heraus und wird selbst zum Protagonisten. So bestürmen die Frauen der Stadt ihre im Leid über den Verlust von Mann und Söhnen gefangene Königin mit Fragen: 

 

„Was wird uns geschehen?

Werden wir als Sklavinnen dienen, denen, die unsere Männer töteten?

Werden wir dienen müssen, denen die unsere Brüder vernichteten?

Und als Weib genommen werden von denen, die unsere Männer schlachteten,

als willfährig Fleisch, als rechtloses Fass ihrer Lust?“

 

Die für die Inszenierung herangezogene Textfassung von Sungard Rothschädl legt den Akzent auf die Frage nach dem Umgang mit dem durch Krieg verursachten Leid. Thematisiert werden kulturelle Rollenmuster, die reproduziert und gespiegelt, übernommen und verworfen werden. Aus weiblicher Perspektive erfahren die Zuschauer im Laufe des Stückes von der Genese des Krieges um Troja, der ja ebenfalls um einer Frau willen entstanden ist. Die Frauen entrüsten sich dabei über Agamemnon, der seine Tochter Iphigenie für den Sieg geopfert hatte, verhöhnen Menelaos als den gehörnten Gatten und schmachten den gefallenen Paris an.

 

„Nicht durch Gewalt folgte Helena ihm,

sondern liebestrunken von der Schönheit und Kraft unseres Prinzen“

 

Die Chorfrauen suchen dabei die eigene Rolle in Nähe und Distanz zur Königsfamilie, deren Schicksal sich im Laufe des Stückes als fortwährende Steigerung von Grausamkeit und Demütigung enthüllt. Polixena wird symbolisch mit dem gefallenen Achill vermählt und zur Selbsttötung gedrängt; Die Seherin Kassandra ist als Geheimbraut dem Agamamnon und Andromache dem Neoptolomos versprochen. Zuvor wird dieser ihr Kind Astynanx genommen und „von der höchsten Mauer der Stadt“ geworfen, um auch wirklich jede Hoffnung auf ein Wiedererstehen des Königshauses zu vernichten. Erst angesichts dieses höchsten Ausmaß an Grausamkeit erwacht Hekabe aus ihrer Lethargie und auch die Frauen erheben einmal ihre Stimme zur offenen Anklage:

 

„Ein Kind! Ein Säugling!

Was muss geschehen, dass ein siegreiches Heer,

siegreiche Krieger, Könige in ihrem Lande,  

hergehen und töten ein Kind?“ (…) „Entsetzliche Griechen! Entsetzliche Männer!“

 

In Momenten wie diesen, bekommt man eine Ahnung von der möglichen Kraft der Frauen. Umgekehrt machen sie sich geradezu zu Mittätern, wenn sie eine Frau als vermeintliche Kollaborateurin verstoßen und einer anderen, die aus ihrer Mitte heraus ergriffen und vergewaltigt wurde, nahelegen: „zu schweigen, sich zusammenreißen, sich nicht so wichtig nehmen, überleben, weiterleben…“

 

Es ist Helena, die diese Opferhaltung problematisiert und für sich eine andere, ebenfalls problematische Strategie wählt. Durch geschickten Einsatz der „Sprache der Frauen“ wird sie auch aus dieser Situation als Gewinnerin hervorgehen, indem sie ihren Gatten so manipuliert, dass dieser sie wieder in Gnaden aufnimmt. Ihre bohrenden Fragen führen dazu, dass sich auch Hekabe die Frage nach der Mitverantwortung am eigenen Schicksal stellt:

 

„Ich habe alles ertragen und noch mehr. Doch was ist dieses Ertragen?

Freiheit und Würde für die Machtlose? Oder Fluch? Schuld?

Ist das Ertragen meine Schuld, mein Zulassen des nicht Zulassbaren?

Oder ist diese Frage die letzte, infamste Knechtung meiner selbst,

indem sie mir selbst das Leid zuschreibt, das man mir zugefügt?“

 

Das Stück gewährt dabei auch Einblick in die Perspektive der Täter, allen voran Odysseus, der sich im Erfolg seiner List sonnt und auch weiterhin als geschickter Stratege in Erscheinung tritt, gerade wenn es darum geht, die Opfer des Krieges „gut zu vermarkten“. Daneben erleben wir Mitläufer, die sich selbst zu Opfern stilisieren. Eine solch ambivalente Rolle hat der Bote Talthybios, der zwar an der Fair-Play-Seite interessiert ist, gleichzeitig jedoch im Selbstmitleid zerfließt.

 

„Ich führe nur Befehle aus. Dazu bin ich verpflichtet, ich bin weisungsgebunden, befinde mich im Notstand, Befehlsnotstand, und Not ist es, solch eine Bürde zu tragen, wie jeder hier weiß, oder ahnen könnte, hätte er nur ein Quäntchen Mitgefühl…“

 

Noch drastischer ein Soldat, der sich nicht entscheiden kann, welche der Frauen er vergewaltigen soll. und sich dafür bedauert. Oder ein anderer, bei dem sich nach vollbrachter Tat das schlechte Gewissen meldet. Die Identitätskrise tut er damit ab, dass er beschließt, alles auf höhere Umstände zu schieben: „Es war Krieg und es war geil.“

 

Die Frage, was der Krieg mit Menschen macht, wird im Stück immer wieder aufgeworfen, gerade wenn er gerechtfertigt wird als Verheißung einer „neuen Zivilisation“ oder als Verteidigung des Vaterlandes, das „immer in Gefahr“ sei. Tatsächlich wollte auch Euripides seine Mitbürger warnen vor den Folgen menschlichen Größenwahns und weiteren Kriegen. Sein Stück gilt daher auch als großes Anti-Kriegs-Drama und wurde wohl auch aus diesem Grund vom Publikum abgelehnt.

Der vorgegebene Wechsel in der Inszenierung von Sungard Rothschädl

Eingebettet in eine Trilogie wurden „Die Troerinnen“ ursprünglich im Rahmen eines mehrtätigen Theater-Wettbewerbs gezeigt, wie er alljährlich im antiken Athen abgehalten wurde. Das Theater diente dabei nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch zur Belehrung des Volkes. Die Anwesenheit war Bürgerpflicht. Gegenstand der Stücke war immer auch die Diskussion und Selbstvergewisserung der „staatstragenden“ Werte. Auf der Bühne standen im antiken Griechenland dabei ausschließlich Männer, die auch die Frauenrollen übernahmen, was vielleicht dadurch vereinfacht wurde, dass immer mit Masken gespielt wurde, um den Rollencharakter der „Personen“ zu verdeutlichen.

 

Die Schülerinnen des Erzbischöflichen Gymnasium Marienberg kehren diese Situation nun um. Auf der Bühne stehen 27 Schülerinnen aus dem Literaturkurs der Jahrgangsstufe Q1, die sich der großen Herausforderung dieses Stückes mit Ernsthaftigkeit und Witz stellen. Der durch die Inszenierung von Sungard Rothschädl vorgegebene Wechsel von spielerischen und epischen Elementen schafft gleichermaßen Identifikation wie Distanz. So will die Inszenierung Problembewusstsein schaffen gerade auch durch die Kombination dramatischer und komischer, antiker und moderner Elemente.

 

Katharina Keßler